FAB BBE 50plus: Erfahrungsbericht einer verhinderten Trainerin (September 2014)

Aktiver Admin am Di, 23.09.2014 - 19:27

September 2014

Bei meinem letzten Besuch im AMS Schönbrunner Straße entdeckte ich einen Folder der Firma FAB mit der Bezeichnung „BBE 50plus“. Da ich als Trainerin bereits einige (übrigens gute!) Erfahrungen mit der Zielgruppe 50plus machen konnte, schickte ich eine Initiativbewerbung an die Firma FAB und wurde auch prompt zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen. Das Gespräch fand am Montag, 1. September 2014, bei der Firma FAB im 10. Bezirk statt.

Nachdem ich zunächst von meinen Erfahrungen als Trainerin, speziell mit der Zielgruppe 50plus, berichtet hatte, ging die Personalsachbearbeiterin gleich in medias res: Sie betonte immer wieder, dass es sich hier nicht um einen regulären Kurs, sondern um eine „Beratungs- und Betreuungseinrichtung“ (BBE) handelte und dass es dafür ganz klare Vorgaben seitens des AMS gäbe. Die wichtigste Vorgabe sei, mindestens 30 % (!) der zugebuchten arbeitslosen Personen über 50 Jahre wieder in einen Job zu vermitteln!

Sofort wurde mir klar, dass es hierbei weniger (oder gar nicht) um den Menschen geht (bzw. darum, welcher Job für einen älteren Arbeitslosen wohl am besten geeignet sein könnte und seiner Qualifikation am besten entsprechen würde), sondern in erster Linie – wenn nicht gar ausschließlich – um die Vermittlungsquote! Es war in dem Gespräch auch von den berühmt-berüchtigten SÖBs und von Arbeitsstiftungen die Rede. (Dass solche Einrichtungen für die BBE 50plus eine große Rolle spielten, war deutlich zu spüren und wurde auch so kommuniziert!)

Ich habe daraufhin (durch das Reizwort „Vermittlungsquote“ innerlich schon ziemlich aufgebracht) ganz provokativ gefragt, wie sie denn diese vorgegebene Quote von 30 % überhaupt realisieren wollten, was sie denn mit jenen älteren Menschen zu tun gedenken, die aufgrund körperlicher oder psychischer Beschwerden nicht vermittelt werden können – und ob sie diese Menschen denn auch gegen ihren Willen in einen Job „pushen“ würden – und was sie schließlich tun würden, wenn so jemand am Arbeitsplatz kollabieren würde! – Diese Frage wurde von meiner Interview-Partnerin eher ausweichend beantwortet (kein Wunder, denn für solche Probleme fühlt sich die BBE offensichtlich nicht zuständig)! Dagegen betonte sie immer wieder, dass die 30 % ige Vermittlungsquote nun einmal die Vorgabe vom AMS sei und die BBE 50plus daher bestrebt sei, diese zu erfüllen!

Ich habe im Verlauf des Gesprächs auch danach gefragt, was die Firma FAB bzw. die BBE 50plus denn mit den qualifizierten älteren Arbeitslosen – z. B. AkademikerInnen, KünstlerInnen etc. – zu tun gedenke. Daraufhin antwortete die Personalsachbearbeiterin, dass arbeitslose KünstlerInnen entweder den „Einsatzbereich wechseln“ oder sich selbstständig machen sollten.

Nach allem, was ich nun schon wusste, war für mich das Maß voll! Während des Vorstellungsgesprächs habe ich deutlich meine Meinung zum Ausdruck gebracht: Wenn es der Firma FAB ausschließlich um die Vermittlungsquoten und nicht um den Menschen gehe, so würde ich lieber gleich absagen! – Nachdem ich mich von diesem ganzen menschenverachtenden System deutlich distanziert habe, kann man sich wohl denken, wie das Vorstellungsgespräch bei der BBE 50plus ausgegangen ist! Natürlich habe ich eine Absage bekommen - worüber ich (nach einem Burn-out vor mehr als einem Jahr) aber auch ganz froh bin! Denn gegen mein eigenes Gewissen zu handeln, das lehne ich konsequent ab! Jetzt bin ich erst mal für das Unternehmensgründungsprogramm vorgemerkt, um wenigstens vor diesem ganzen System endlich (zumindest vorübergehend) meine Ruhe zu haben!

Fazit: Nach meinem Eindruck kann die BBE 50plus weder für qualifizierte ältere Arbeitslose (AkademikerInnen, KünstlerInnen etc.) noch solche mit körperlichen oder psychischen Beeinträchtigungen auch nur annähernd geeignete Jobs anbieten! Stattdessen sollen die Betroffenen in einen anderen „Einsatzbereich“ – d. h. in den zweiten Arbeitsmarkt – abgedrängt werden!

Es ist zynisch, einerseits über den angeblichen Fachkräftemangel zu jammern und gleichzeitig die älteren (durchaus qualifizierten) Arbeitslosen in SÖBs und Arbeitsstiftungen zu drängen, wo sie für Hungerlöhne niedere Arbeiten verrichten müssen! - Dazu kann ich nur sagen: Wehret den Anfängen! Denn das ist der Anfang vom Faschismus! (Letzteres wurde mir auch von einer netten Kollegin, einer gebürtigen Rumänin, bestätigt: Sie sagte mehrfach, dass der derzeitige Zustand in Österreich (in Europa überhaupt) in vielen Punkten mit dem Zustand Rumäniens in den späten 80er Jahren vergleichbar sei und dass der Zwang, jede „zumutbare“ Arbeit annehmen zu müssen, damals unweigerlich in die Diktatur Nicolae Ceaușescus geführt habe!

Das Abschieben in SÖBs und Arbeitsstiftungen (also in den zweiten Arbeitsmarkt) lediglich aufgrund des Alters und ungeachtet der Qualifikation ist aus meiner Sicht eine eindeutige Altersdiskriminierung und somit ein Fall für die Gleichbehandlungsanwaltschaft, Abteilung II! – Daher rate ich allen betroffenen älteren Arbeitslosen, die sich durch solche Maßnahmen diskriminiert, dequalifiziert und erniedrigt fühlen, sich zu vernetzen und gegen diese menschenverachtenden Maßnahmen auf die Barrikaden zu gehen! – Eine Sammelklage bei der Gleichbehandlungsanwaltschaft, Abteilung II oder – vermutlich noch besser und effektiver – beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte – wäre vermutlich der beste Weg, um gegen dieses Zwangsregime vorzugehen!

Soweit mein Erfahrungsbericht aus der Sicht einer (ehemaligen) Trainerin und Bewerberin (selbst 50plus).

Nun würden mich die Berichte der betroffenen Teilnehmer/innen interessieren! Bis die ersten Erfahrungsberichte Betroffener eingehen, wird es aber sicher noch eine Weile dauern, da diese Maßnahmen für ältere Arbeitslose erst vor Kurzem begonnen haben.

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