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Jobtransfair

Kantine 14. Ein sozialökonomischer Betrieb aus der Sicht eines Betroffenen

daknipsi am Mo., 01.05.2017 - 07:54
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Kantine 14.
Ein sozialökonomischer Betrieb aus der Sicht eines Betroffenen

Die neue Bezeichnung von Arbeitssklaven lautet "Transitarbeitskraft im Inneneinsatz" Das wird auf dem verpflichtend zu tragendem Namensschild mit vollem Namen ausgewiesen. Akademische Titel scheinen darauf allerdings nicht auf, weil "des gibts bei uns ned". Passt ja auch nicht, wenn da ein "Transitarbeiter" mit Herr, oder Frau Magister, Doktor, oder was auch immer angesprochen werden muss.

Eben so wenig passt es, wenn sich Transitarbeiterinnen beim Personalchef und bei der Firmenleitung darüber beschweren, dass ein Mitarbeiter sie sexuell diskriminiert und sogar tätlich angreift . "Du bist eine Frau, du bist Scheiße". Mit dieser Feststellung kann man eine Mitarbeiterin schon mal von der Registrierkasse mit einer Wucht wegstoßen, dass sie fast zu Boden geht. Nein, das ist noch lange kein Grund um der Bitte der Transitarbeiterinnen nachzukommen, sie nicht mehr mit dem "Kollegen" zum Dienst einzuteilen. Sexistische Witze der Firmenleitung sind ja ebenso lustig. Schließlich ist diese Arbeit eine Vorbereitung auf die freie Wirtschaft, wo es auch manchmal härter zugeht. Also gewöhnt euch daran.

Trinkgeld von Caterings wird nicht ausbezahlt, da die Firma Geld braucht um die wichtigen Investitionen zu bezahlen. Eine wichtige Investition ist zum Beispiel eine riesige, vollautomatische Videoleinwand im Zuge der Fußball WM. Der Einbau war wegen der statischen Bedingungen extrem schwer und teuer. Beamer an der Decke, super Lautsprecher, es kostete viele 1000e Euros. Da sich der Gewinn dieses Unterfangens logischerweise sehr in Grenzen hielt (tatsächlich war es keiner), muss man die Kosten wieder irgendwo reinbringen. Das AMS ist schließlich auch nicht endlos belastbar. Andererseits reichen 3 (drei!!) Rotweingläser in der Bar. Die Kantine will zwar gern ein Luxusrestaurant sein, aber wer trinkt schon Rotwein? Und wenn dann die Gläser ausgehen haben wir ja noch die "universal" Gläser. Das sind zwar Weißweingläser, aber auch schön. Wenn die Gäste auf die Videoleinwand sehen, sehen sie ihre Gläser ja eh nicht. Nur blöd, dass die Leinwand nach der WM nicht mehr benutzt wird.

Apropos wirtschaftlich. Dass ein sozialökonomischer Betrieb nicht Gewinnorientiert sein kann, ist irgendwie logisch. Aber andererseits ist es nicht erklärbar, dass Gäste nicht bedient werden weil der Personalleiter im Stress ist, oder man schon eine größere Gesellschaft im Haus hat. Da kann man dann als Chef schon die Transitarbeiterin brüllend anschnauzen warum sie Leute im Garten bedient, oder die Gäste an der Bar selbst vertreiben, weil man keine Zeit hat. (Jetzt gibts gar nix, siehst ned, dass i ka zeit hab)

Solche Aktionen sind natürlich im Sinne der Ausbildung, oder Umschulung. Die können sich dann am besten gleich selbst ein Beispiel nehmen. Da passt auch dazu, dass man sie meistens ab 16 Uhr alleine lässt und telefonisch auch nicht mehr erreichbar ist. Was kümmert die Firmenleitung schon ein Problem von den Transitarbeitern, das entstehen kann.
Lustig ist auch, dass nach 2 Monaten Sommersperre im Juli und August, mitte September mit der Renovierung der Toiletten begonnen wird und diese für 3 Wochen komplett gesperrt sind. Kunden und Transitarbeitkräfte im Innendienst können vis a vis ins Büro der Sargfabrik gehen. Allerdings nur bis 17:00 Uhr, dann ist dort geschlossen. Bis zur Sperrstunde um 22:00 Uhr muss man sich halt zurückhalten.

Nicht beanspruchter Urlaub, oder Zeitausgleich wird mit einer Verlängerung des 6monatigen Dienstverhältnisses abgegolten. Aber Bezahlt wird nur noch eine 30 Stunden Woche, statt der 38, die man ja gearbeitet hat. Und wenn man dann dummerweise in dieser Zeit krank wird, hat man halt Pech. Ausbezahlt wird das nicht. Man hat ja das Ende des Dienstverhältnisses 2 Monate vorher unterschrieben.

Zusammenfassung von 6 Monaten Kantine 14:
Egal wer du bist, ob Doktor, oder Flüchtling. Ob Schwarz, Weiß, Frauenfeindlich, Lernwillig, oder Unwillig. Bei uns sind alle gleich im Arsch daheim. Und das Standard - "Arbeitszeugnis" bekommt am Schluss jeder. Egal ob Er/Sie viel, wenig, oder nichts geleistet hat.
"Der Aufgabenbereich umfasst ...blablabla ... Der Transitarbeiter hat mitgeholfen"
Das nennt man tatsächlich Arbeitszeugnis. Es ist ein Zettel, den man am besten in keiner neuen Firma herzeigt. Allerdings bekommt man im Büro von Jobtransfair die Zusicherung, dass ein weit besseres Zeugnis ans AMS geschickt wurde. Da fühlt man sich dann gleich viel besser, auch wenn man keine Einsicht auf das angebliche Schreiben bekommt.
Danke für diese wertvolle Fort -und Weiterbildung.

MfG
Ein ehemaliger Transitarbeiter im Inneneinsatz

P.S.: Die Sendung der Endgeltabrechnung an die Krankenkasse kann sich schon mal um 2 Monate verzögern. Transitarbeiter sind vermögend genug, um ein wenig auf die Auszahlung warten zu können. Sie haben ja ein Arbeitszeugnis, mit dem man jederzeit, überall eine Stelle bekommt.