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AMS Johnstrasse

AMS Hietzinger Kai: Respektloses „Laufbahn- und Karrierecoaching“

Aktiver Admin am Fr., 14.08.2015 - 19:29
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Sehr geehrte Damen und Herren!

Leider sehe ich mich dazu gezwungen, eine Beschwerde über die Praktiken des Arbeitsmarktservice (AMS) Wien bei Ihnen zu deponieren. Am Freitag, den 14.8.2015, hatte ich einen Termin beim „Laufbahn- und Karrierecoaching“, namentich bei Frau Magistra L. im AMS Hietzinger Kai.

Die Zubuchung zu diesem Termin erfolgte durch die AMS-Filiale Johnstrasse, unter der Argumentation „ich solle mir das doch bitte einmal anschauen“. Ich war um die 20 Jahre berufstätig. Seit nunmehr rund 4 Monaten bin ich arbeitslos, nachdem ich den von mir geleiteten Betrieb schliessen musste. In diesem Zusammenhang traten auch schwere gesundheitliche Probleme auf (Burn Out), die einen mehrmonatigen Krankenstand zur Folge hatten. Als Mechatroniker habe ich bislang keine neue Arbeit gefunden, ich erhielt nicht einmal Antworten auf meine Bewerbungen. Daher habe ich mich entschlossen, meine Perspektiven zu erweitern und auch andere Beschäftigungsfelder zu suchen, in denen ich Stärken habe.

Zu Beginn des Termins wurde ich nicht so wie sonst üblich namentlich aufgerufen, sondern ähnlich einer polizeilichen Anhaltung nach meinem Namen gefragt und abschätzig gemustert. Nach einer einleitenden Erklärung (Dauer der Massnahme, Ziel des dort angebotenen Coachings, was ein Ziel wäre und wie es sich definiere und dass ich eines bräuchte) wurde ich nach meinen beruflichen Zielen gefragt. Ehrlich musste ich antworten, dass ich derzeit keine konkreten Ziele in diesem Sinn hätte. Ich konnte auch keinen Aufschluss darüber geben, warum ich dann diesen Termin bekommen hatte. Nach dem Eingangsreferat und aufgrund der Angaben im AMS-Infoblatt vermutete ich einen möglichen Zusammenhang mit einem mir bei meinem letzten Beratungstermin angebotenen Berufsorientierungskurs, den ich als unnötig empfand. „Sie brauchen sich nicht wundern, wenn Sie gesperrt werden, wenn Sie einen Kurs nicht machen, sich nicht bewerben oder einen Termin nicht einhalten.“

Ich durchlebte einen kurzen Schock, in dem ich befürchtete, dass meine Bezüge gesperrt wurden oder werden sollen. Selbstverständlich bewerbe ich mich, habe meine Termine, verpflichtende wie auch freiwillige, eingehalten und verhalte mich auch sonst entsprechend meiner Versicherungskonditionen. Auch der Umstand, dass ich aus eigenem Antrieb Termine gesucht habe, sollte für meine Kooperationsbereitschaft sprechen.

„Als Mechatroniker?“ Als Mechatroniker habe ich noch keine Stelle gefunden. „Sie können ja zum BILLA gehen“, war der nächste Vorschlag. „Wo ich auch nicht genommen werde“ meine Antwort. Bei erneuter Nachfrage nach meinen Zielen sagte ich, dass für mich eine Weltrevolution wohl das einzige wirklich anstrebenswerte Ziel ist. „Dann gehen Sie in die Politik.“ „Dort bin ich.“ „Aber so, dass Sie Geld dafür bekommen.“

Der Aussage „Sie können nicht erwarten, dass eine Gesellschaft Sie erhält, für die Sie nichts tun.“ musste ich entgegenhalten, dass ich das nicht so sehe. Ebenso verwunderlich wie die Unterstellung, dies wäre meine Absicht, ist für mich der Umstand, dass ausgerechnet AMS-Bedienstete gegen ein bedingungsloses Grundeinkommen agitieren. Es stellt sich mir die Frage, auf welcher Rechtsgrundlage eine derartige Agitation stattfindet, bzw. ob die Linie „was nicht bezahlt wird, ist keine Arbeit“ respektive „wer nicht arbeitet soll auch nicht essen“ dem AMS Wien sogar für Gleichbehandlungsbeauftragte als geeignet erscheint. Ein solches Verständnis von „Gleichbehandlung“ ist jedenfalls nicht das meine.

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: ich erwarte nicht, dass meine politische, kulturelle, reproduktive und sonstige gemeinnützige Arbeit vom AMS honoriert wird. Es ist für mich aber definitiv nicht akzeptabel, dass solche im Allgemeininteresse liegenden Tätigkeiten nur dann gebilligt werden, wenn sie entlohnt sind. Die Geschichte der Menschheit ist der beste Beleg dafür, dass die meiste und oft auch die wirkunsvollste und nötigste Arbeit unter der Prämisse der Selbstausbeutung geleistet worden ist und immer noch geleistet wird.

Auf den weiteren Gesprächsverlauf, der nur noch das Ziel einer schnellen Terminbeendigung widerspiegelte, werde ich nicht weiter eingehen, da er hinsichtlich meiner Beschwerde unerheblich ist. Einzig den Umstand, dass mir die Tür gewiesen wurde, ohne dass ich Aufklärung über die nötige weitere Vorgehensweise erhielt, möchte ich noch festhalten. Erst auf Nachfrage erhielt ich einen neuen Kontrolltermin. War es vielleicht das Ziel, mich zu einem Fehler zu treiben, um meine Bezüge sperren zu können?

Leider muss ich zugeben, dass dieses Erlebnis für mich in keinerlei Zusammenhang mit den im AMS-Infoblatt aufgeführten Angeboten zu bringen ist. Was konkret ich in welchen Bereichen unternehme, um Beschäftigung zu finden, war in keinem Moment Thema oder von Interesse. Also bleibt für mich der Eindruck eines weiteren Diskriminierungsversuches aufgrund meines Äusseren, mit denen ich seit meiner Jugend immer wieder konfrontiert bin. Überdies empfinde ich es mehr als Zumutung denn als Hilfestellung, mir nunmehr monatlich „Gehen Sie zum BILLA!“ bzw. „Melden Sie sich ab!“ anhören zu müssen.

In Erwartung Ihrer Stellungnahme und einer respektvolleren und menschenwürdigeren Zukunft,

mit freundlichen Grüssen

G.