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Replik auf die Antwort der Vorarlberger Landesregierung auf den Leserbrief in wann&wo

Aktiver Admin am Di., 29.09.2015 - 11:49
Angaben zum Brief
Brief abgesendet

Schwarzach, 29.9.2015

Sehr geehrter Herr Moosbrugger,

vielen Dank für die umfangreiche Stellungnahme zu unserer Information, die vom Land Vorarlberg und der EU geförderten „Gemeinnützigen Beschäftigungsprojekte“ betreffend.

Leider ist es so, dass auch wenn Ihnen keine kritischen Situationen zur Zuweisungen des AMS, insbesondere zu Caritas und Integra bekannt sind, diese kritischen Situationen sehr wohl existieren.

Es muss Sie also nicht wundern, wenn diese Fakten nicht bis zu Ihnen vordringen. Es stimmt, wie Sie schreiben, dass die von Langzeitarbeitslosigkeit betroffenen Menschen in einer schwierigen Situation sind, aber ganz sicher nicht „mental“ – das sehen Sie vollkommen falsch. Psychisch sind etliche dieser 50+Arbeitslosen in einem hervorragenden Zustand und wollen sich nicht durch die Inanspruchnahme eines solchen Sozial-Projekts als für den „ersten Arbeitsmarkt“ ungeeignet brandmarken lassen.

Vielmehr ist es der Ausschluss von der Gesellschaft und – wie die Untersuchung „Würde statt Stress“ (1) eindrucksvoll gezeigt hat – der permanente Druck durch die permanente Androhung des Existenzentzuges durch das Sanktionenregime und das daraus entstehende massive Ungleichgewicht zwischen Bürger/innen und AMS/Sozialbehörden, was Langzeitarbeitslose krank macht. Ebenso, dass wir immer noch keine eigene Vertretung mit eigenen Ressourcen und echter Mitsprache haben, weshalb die UNO im Herbst 2013 Österreich aufforderte, einen regelmäßigen Dialog mit den Arbeitslosen zu führen! (2) Die Anhörung und Förderung von Arbeitslosenselbsthilfegruppen ist zudem bereits jetzt gesetzlich vorgesehen! (3) Gemäß Allgemeiner Menschenrechtserklärung der Vereinten Nationen von 1948 sind alle Menschen gleich an Rechten und Würde geboren. Würde und Rechte von Menschen dürfen in einer Demokratie nicht davon abhängig gemacht werden, ob diese einer Erwerbsarbeit nachgehen können oder von Wirtschaft und Staat von einer solchen ausgeschlossen werden!

Besten Dank auch für das Anbieten eines „Blickes hinter die Kulissen“ der Trägereinrichtungen. Diesen Blick haben ich und andere „Aktive Arbeitslose“ schon zur Genüge genossen. Gerne möchte ich aber Ihnen diesen Einblick von Seiten der Arbeitslosen 50+ gewähren, im Speziellen an meinem persönlichen aktuellen Fall in der Mühle des überforderten AMS und der Caritas. (Siehe beiliegende Ausführungen für den Regionalbeirat des AMS und unser Diskussionspapier „Endstation 'zweiter Arbeitsmarkt'?“).

Zur von Ihnen angeführten Studie „Evaluierung von Sozialen Unternehmen im Kontext neuer Herausforderungen“ ist zu sagen, dass eben diese umfangreiche Studie nach einem aufwändigen statistischen Vergleich fest stellt, dass „Transitarbeitsplätze“ einen sehr geringen Beschäftigungseffekt haben und im Schnitt die Zahl der Tage in ungeförderter Beschäftigung nur um 3 Tage pro Kalenderjahr erhöhen,dass sich vor allem weitere Beschäftigung am „zweiten Arbeitsmarkt“ erhöht und auch die Zahl der Krankenstandstage. (4)Die steigende Arbeitslosigkeit liegt an den fehlenden Angeboten an frei wählbaren Arbeitsplätzen, also am Versagen von Wirtschaft und Politik und nicht an den erwerbsarbeitslos gemachten Menschen selbst, weshalb selbst die besten AMS-Programme die Erwerbsarbeitslosigkeit nicht nachhaltig beseitigen können.

Zum Versagen der Politik ist noch zu erwähnen, dass durch die Einbehaltung des AMS der Leistungszahlung bis zur Klärung, ob ich überhaupt gegen das AlVG verstoßen habe, bereits die Landeswohnbauförderung eine erhöhte Mietbeihilfe angewiesen hat. Das ist zwar sehr löblich, könnte aber durch eine grundsätzlich andere politische Handhabung der Probleme dieser Zeit sehr viel einfacher, Nerven sparender und kostengünstiger und zielführender sein.

Und bitte nicht vergessen: Ich bin eine von vielen, die auf diese oder ähnliche Weise in den letzten Jahren von AMS und Trägerorganisationen „gezwungen“ wurde, Versicherungs- und Steuergelder zu verschwenden und nach Einführung des Beschäftigungsprojektes 50+ im vergangenen Jahr stehen die AMS-Berater/innen unter enormem Druck, was die Zahl der Betroffenen rasant erhöht hat. Wir Erwerbsarbeitslose erfahren keine wirkliche Unterstützung durch die Sozialpartner. Auch dort sitzen Berufsfunktionäre, die nicht aus eigener Erfahrung sprechen können und sich mit ihren Konzepten ständig im Hamsterrad mitdrehen.

Mit freundlichen Grüßen,

Sonja Elmenreich

Sonja Elmenreich. Ärztlich geprüfte Heilpraktikerin (dzt. erwerbsarbeitslos) A-6858 Schwarzach

praxis@elmenreich.com

Anmerkungen:

  1. http://archiv.aktive-arbeitslose.at/wuerdestattstress/
  2. Ausschuss für wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte: Abschließende Bemerkungen zum vierten periodischen Bericht Österreichs, Punkt 16 https://www.bka.gv.at/DocView.axd?CobId=54261
  3. Anhörungsrecht in ILO Übereinkommen 122, Übereinkommen über die Beschäftigungspolitik (BGBl. 355/1972) sowie Förderung von Arbeitslosenselbsthilfeeinrichtungen verankert in Erläuterungen der Regierungsvorlage zum Arbeitsmarktservicegesetz Paragraf 34, Punkt 5 und 6
  4. Es steigt binnen 5 Jahre die Zahl der Beschäftigung in ungefördeter Arbeit minimal von 505 auf 519, die Zahl weiterer geförderter Arbeit aber von 28 auf 256 Tage (Seite 44)!
    https://www.bmask.gv.at/cms/site/attachments/0/0/9/CH2247/CMS1318326022365/endbericht_hauptteil_so_b_gbp_april_2014.pdf
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