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Leserzensur oder auf dem Weg in die kurz’sche Parallelwelt? Offener Brief an die Tiroler Tageszeitung

oberdammer am Do., 14.03.2019 - 20:40
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Sehr geehrter Herr Zenhäusern!

Sehr geehrter Herr Vahrner!

 

Unter dem Titel „Respekt im Netz“ erklären Sie die Abschaltung der Kommentar-Funktion in der elektronischen Ausgabe ihres Mediums per 23. 7. 2018 (außer für Abonnenten), und schaffen damit die Möglichkeit der interaktiven Diskussion, ein wesentliches Element seit der Digitalisierung der Zeitungsbranche, wieder ab. Die Begründung eines so anachronistischen Schritts verdient eine kritische Würdigung. Sie schreiben:

 

„Der Ton in den Diskussionsforen des Internets wird immer aggressiver. Hasskommentare, Mobbing und bewusste Falschinformationen sind verstärkt an die Stelle seriöser Diskussion getreten. Unter dem Schutz der Anonymität wird der respektvolle gegenseitige Austausch zunehmend unmöglich.

 

Verlagen, wie der Tiroler Tageszeitung, ist es nicht mehr möglich, die Fülle der Diskussionsbeiträge auf ihren Online-Plattformen zu kontrollieren und gegebenenfalls rechtzeitig einzugreifen.

 

Deshalb hat sich die Tiroler Tageszeitung entschlossen, das Kommentieren auf tt.com nur noch ihren Abonnentinnen und Abonnenten zu ermöglichen. Damit in Zukunft jeder zu seiner im Internet publizierten Meinung auch mit seinem Namen steht wie dies ja auf den Leserbriefseiten in TT seit jeher praktiziert wird.“ (http://newsletter.moserholding.com/lKrwGEvF6nk6c3J2A)

 

  1. Eine solche „Begründung“ wirft aber mehr Fragen auf, als sie beantwortet:

 

  • Es war mir noch nie aufgefallen, dass die TT in Leserkommentaren ertrinken würde, aber ich habe mich vergewissert und einige Artikel vor dem Diskussionsverbot vom 23. 7. 2018 aufgerufen. Bei dieser Stichprobe habe ich bei keinem einzigen Artikel einen Leserkommentar entdecken können. Entweder war die „Fülle der Diskussionsbeiträge“, von der Sie da reden, auch vorher nicht existent, oder die TT hat sich mit der Löschung der Konten der Nicht-Abonnenten auch aller Leserkommentare vor dem 23. 7. 2018 entledigt. Letzteres würde natürlich verdächtig nach dem Verwischen von Spuren schmecken; insbesondere da der Presserat gerade Ihren journalistischen Anstand anlässlich Ihres Arbeitslosen-Bashings in einem Bericht vom 13.06.2018 (http://www.tt.com/lebensart/freizeit/14469318-91/die-flucht-von-der-arbeit-in-die-freizeit.csp?tab=article) prüft, bei dem unter anderem auch ein von Ihnen umgehend gelöschter Leserkommentar mit dem Hinweis auf gröblich tatsachenwidrige Berichterstattung eine Rolle spielt.

 

  • Wäre es tatsächlich der raue „Ton in den Diskussionsforen“ der die guten Sitten in Ihrem Provinzblatt überrollt, ist nicht nachvollziehbar, dass Abonnenten sich zivilisierter benehmen würden, oder meinen Sie nur loyaler. Wofür man zahlen muss, das redet man sich vielleicht eher schön. Viel mehr erinnert Ihre Maßnahme an die Slogans einer Ihnen nahe stehenden Politikerin aus dem nahen Ausland, die gerne von marktförmiger Demokratie schwadroniert. Sie gehen nur einen Schritt weiter und binden freie Meinungsäußerungen an die Abonnentengebühr.

 

  • Noch weniger ist nachzuvollziehen, dass es um die Anonymität der Poster geht, weil viele Zeitungen inzwischen dazu übergegangen sind, die Eröffnung von Kommentarkonten an die Bekanntgabe echter Identitätsdaten zu binden.

 

  1. Aber vielleicht geht es Ihnen weniger um den „Respekt“ als um die Ehre, genauer die journalistische Ehre, oder noch genauer den Ehrenkodex der österreichischen Presse, in dem es heißt: „Wenn zu einem Bericht von Leserseite eine begründete Richtigstellung einlangt, soll diese so weitgehend und so rasch wie möglich veröffentlicht werden.“

 

Erinnern Sie sich noch?

    • Ihr Blatt hatte als propagandistische Vorhut von Kurz IV in Österreich mit tatsachwidrigen Zahlen Arbeitslosen-Bashing betrieben, ungeprüfte Aussagen des Arbeitsmarktservice (AMS) übernommen und sich – angesichts eines seit Jahrzehnten andauernden Arbeitskräfteüberschusses grotesk genug - über den Verfall der Arbeitsmoral ereifert. Ich hatte Sie damals in einem langen Brief vom 16. 6. 2013 zur Korrektur einiger faktisch falscher oder höchst einseitiger und ausgewogene Passagen aufgefordert, und die generelle Linie des Artikels ausführlich kritisiert, natürlich unter meinem Namen per Email an Ihre Redaktion und Sie beide persönlich.

 

    • Ein mir bekannter Poster war schneller und hatte Sie schon vorher per Kommentar darauf aufmerksam gemacht, dass wegen eines Terminversäumnisses beim AMS sanktionierte Arbeitssuchende nicht mit Arbeitsverweigerern gleichzusetzen sind, wie Ihr Bericht in unüberbietbarer Demagogie suggeriert hatte:

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Sehr geehrte TT-Redaktion!

Der / die Verfasser des Artikels haben äußerst wenig Ahnung von der Materie. Wie sonst ist es erklärbar, dass im Artikel AMS-Kontrolltermine und Vorstellungsgespräche gleichgesetzt werden?

 

Journalismus ist etwas anderes!

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Sein Kommentar war am 16. 6. 2018 binnen einer halben Stunde aus der Kommentarsektion gelöscht worden, ohne dass er zu einer Richtigstellung Ihrerseits geführt hätte. Da war Ihre Zensur also nicht überfordert sondern sehr flink.

 

    • Auch auf mein Schreiben, das schließlich zum Prüfverfahren des Presserats geführt hat, war weder eine Berichtigung noch irgendeine Reaktion von Ihrer Seite erfolgt. Angesichts eines offensichtlich derart gestörten Verhältnisses Ihrer Berichterstattung zur materiellen Wahrheit klingt es nur kurios, wenn Sie treuherzig die Kommentarsektion schließen, weil dort angeblich „bewusste Falschinformation“ verbreitet würde. Bevor Sie Ihren Lesern so etwa unterstellen, sollten Sie vor der eigenen Türe kehren. Es mag ja sein, dass ihre Zensur mit der „Kontrolle“ der Leserkommentare überfordert ist, es ist aber schwer, zu glauben, dass diese dem Respekt, weder dem vor den Lesern noch dem vor der Wahrheit geschuldet sei. Freilich, auf dem technischen Niveau des 21. Jahrhunderts lässt sich das nicht genehme Wort sowieso nicht mehr so leicht in den Griff bekommen, wie zu Metternichs Zeiten. 

 

  1. Die Abfolge Ihres Verhaltens ist nur schlüssig:
  • Ein Posting mit der Aufforderung zur sachlichen Richtigstellung wird gelöscht, ....
  • .... ein offener Brief dazu ignoriert, ...
  • .... und ein paar Wochen danach - während des laufenden Prüfverfahrens des Presserats – wird die Kommentarfunktion ganz abgeschafft.

Die TT ist anscheinend auf der Flucht vor dem Leser und vor allem jeder inhaltlichen Auseinandersetzung mit ihren Berichten, und zieht sich zu diesem Zweck in einen kleinen Klüngel zurückzieht, wo kein Widerspruch und auch keine Kritik an deren Regierungs-Verlautbarungs-Journalismus zu erwarten ist. Hat Sie die am Inn so gerne zelebrierte Tiroler Courage verlassen, dass Sie auf öffentliche erhobene und substantiierte Kritik kein Sterbenswörtchen hervorbringen, und in Kommunikationsverweigerung flüchten müssen? Fürchten Sie zuviel Sauerstoff könnte den autoritätshörigen Mief ihrer Hofberichterstattung zur Südenbockpflege dieser Regierung in der Redaktion gefährden? Vermutlich ist Ihre die-Zugbrücke-hoch-Mentalität nur Anschauungsmaterial dafür, was Ihr Mastermind am Ballhausplatz meint, wenn er in Europa gerade „Brücken bauen“ will.

 

Wenn Sie diesen Weg in die journalistische Bedeutungslosigkeit gehen wollen, tun Sie es - aus Respekt für die mündigen Medienkonsumenten - bitte gleich konsequent. Ersparen Sie diesen nicht nur Ihre unerträgliche Zensur in der Kommentarsektion, sondern am Besten auch die Inhalte, die Sie so verzweifelt vor der Konfrontation mit der Realität schützen zu müssen meinen, und wandeln Sie Ihren Verein (samt jener Abonnenten/Leser, die Ihren Kritiklosigkeitstest bestehen) in eine esoterische Vereinigung um. Da können Sie Ihre Glaubenssätze und Propagandalosungen, die den logischen Verstand und die Realitätsprüfung scheuen müssen, unbehelligt als gnostisches Geheimwissen kultivieren. Eine öffentliche Diskussion, die diesen Namen verdient, wird Sie nicht vermissen.

 

Peter Oberdammer

Wien, 25. 7. 2018

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